»Volkstumsbezogener Vaterlandsbegriff«

Die Burschenschaften streiten um ihr politisches Profil

In der Deutschen Burschenschaft (DB) ist ein Streit um die zukünftige politische Ausrichtung entbrannt. Seit Jahren plagen die DB Nachwuchssorgen, spalten sich Mitgliedsbünde ab und beklagen Aktive ein angeblich nicht vorhandenes politisches Profil und die innere Zerstrittenheit des Dachverbandes von 110 aktiven Burschenschaften. Der dominierende extrem rechte Flügel möchte das Profil des Verbandes nun unter Rückgriff auf den „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ schärfen. Doch die Interpretation des Konzeptes ist ebenso umstritten wie die Annäherung an die NPD.

Die Selbstwahrnehmung der DB ist von der Strukturkrise eines der größten Dachverbände studentischer Verbindungen geprägt. Norbert Weidner, zu Beginn der 1990er Jahre Führungskader der neonazistischen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) und mittlerweile „Schriftleiter“ des Verbandsorgans Burschenschaftliche Blätter, stellte fest, der Verband friste „derzeit ein unbedeutendes Dasein“. An den Hochschulen, aber auch in Politik und Wirtschaft seien die Burschenschaften kaum wahrnehmbar. „Kein Bundestagsmitglied aus den Reihen der Deutschen Burschenschaft hat seine burschenschaftliche Mitgliedschaft auf seinen Internetseiten vermerkt, die Verbandsnadel wird von prominenten und bekannten Verbandsbrüdern kaum getragen“, heißt es in einem Diskussionpapier. Beklagt wird zudem eine angebliche inhaltliche Anpassung an den „linken Mainstream“. In ihrer Selbstwahrnehmung ist die DB von einem geschlossenen und einflussreichen Verband weit entfernt.

Pöbelhaft

Tatsächlich dauern der personelle Niedergang und der schwindende Einfluss der DB schon seit Ende der 1960er Jahre an. Statt damals 35.000 Mitgliedern umfasst der Verband heute nur noch 12.000, rund ein Drittel der Mitgliedsbünde verfügen nicht mehr über eine Aktivitas, also über aktive studentische Mitglieder, die das burschenschaftliche Leben auf den Häusern gestalten könnten. Wie die Krise überwunden werden kann, darüber herrscht Uneinigkeit. Auf den jährlichen Verbandstagungen werden die Differenzen deutlich. Die Fronten sind verhärtet, und dies zeigt sich auch in der Art und Weise der Auseinandersetzung. „Pöbelhaftes Benehmen bis hin zur körperlichen Aggression ist die Regel auf Verbandsveranstaltungen geworden“, beklagt Jörg Haverkamp, „Alter Herr“ der Freiburger Burschenschaft Saxo-Silesia.
Haverkamps Burschenschaft wird beschuldigt, mehrere Mitglieder aufgenommen zu haben, die nach Ansicht des Verbandsrates nicht über alle nötigen Aufnahmekritierien verfügen: nämlich männlich, „vaterlandstreu“ und „deutscher Abstammung“ zu sein. Die DB hängt einem völkischen Nationsbegriff an. „Volk“ wird nicht über die Zugehörigkeit zu einem bestehenden Staat definiert, sondern „als menschliche Gemeinschaft, die durch gleiche Abstammung, gleiches geschichtliches Schicksal, gleiche Kultur und verwandtes Brauchtum, dieselbe Sprache und zusammenhängenden Siedlungsraum verbunden und geprägt ist“ (Handbuch der Deutschen Burschenschaft). Aus Sicht der DB ist das „deutsche Volk“ größer als die Bevölkerung der BRD und umfasst auch Österreich, Südtirol und „deutsche Minderheiten“ in anderen Staaten. So gehören österreichische Burschenschaften und sogar chilenische Verbindungen der DB an. Mitglieder der Saxo-Silesia möchten Volk und Nation als „Kulturnation“ definieren. Es genüge die „persönliche Identifizierung mit der Nation“, heißt es in einer Stellungnahme. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland und Österreich Einwanderungsländer seien. Die DB solle sich als Gemeinschaft bekennender „deutscher Patrioten“ definieren: „Oder sollte etwa ein Sohn des Bundesgesundheitsministers Rösler nicht Burschenschafter sein können?“

Gesetzestreue und andere Variablen

Obwohl auch für die Saxo-Silesia ein nationalistisches Bekenntnis unumgänglich für die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft ist, werden ihre Positionen von einer Mehrheit in der DB abgelehnt und heftig bekämpft. So erwidert die Thessalia zu Prag in Bayreuth, die Auffassung der Saxo-Silesia laufe darauf hinaus, dass „jeder, der die deutsche Sprache beherrscht und von sich behauptet, Deutscher zu sein, automatisch als dem deutschen Volke zugehörig betrachtet“ werde. Doch zur „geschichtlichen Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes“ könne nur gehören, wem „diese Eigenschaft durch Abstammung zuteil“ wurde. Die Thessalia argumentiert dabei offen biologistisch und rassistisch: Es sei eine „gesicherte Erkenntnis“, dass menschliche Rassen bestünden und ein „signifkantes asiatisches/europides/negrides Gefälle (…) in Bezug auf die Entwicklungsgeschwindigkeit, die Sterberaten, die Persönlichkeit, das Funktionieren der Familie, die Gesetzestreue, die Sozialorganisation und anderer Variablen“ erkennbar sei. Die „Kulturnation“ bleibe ohne ein „stabiles biologisch-ethnisches Substrat (‚Volk‘)“ eine Fiktion.
Völkisch-rassistische Anschauungen wie diese, die sich auf Geschichte und Programmatik der DB berufen können, prägen die Mehrheit der Burschenschaften; sie verhindern, dass die Krise des Verbandes mit einer relativen Liberalisierung beantwortet wird. Die in der Verbandszeitschrift, den Burschenschaftlichen Blättern, geführte Diskussion um den „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“, den Terminus Technicus für dieses völkische Nationsverständnis, ist dafür ein Beleg. In den Burschenschaftlichen Blättern wird unter anderem gefordert, der „volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff“ solle als Alleinstellungsmerkmal und Unterscheidungskriterium zu anderen Studentenverbindungen weiter forciert werden – trotz oder gerade wegen der allgemein beklagten „nationalen Selbstvergessenheit“, der „Tätervolklegende“ (ein angeblicher „Gründungsmythos der BRD“) und der „Überfremdung“ im Rahmen der „multikulturellen Gesellschaft“. Sollte sich dieser Flügel innerhalb der DB endgültig durchsetzen, steht ein weiterer Rechtsruck bevor.

Neue Bündnispartner?

Wohin dieser Rechtsruck führen würde, zeigen die engen Kontakte zwischen Teilen der DB und der NPD. Deren Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel und Arne Schimmer, beide Mitglieder der Burschenschaft Dresdensia-Rugia Gießen, wurden Ende 2009 in den Burschenschaftlichen Blättern unter der Rubrik „Burschenschafter in den Parlamenten“ persönlich vorgestellt. Daran schloss sich ein langes Interview mit Schimmer an. Zwar wurde das Interview von zwei innerverbandlichen NPD-Kritikern geführt; es stellt dennoch ein Novum dar: Erstmalig bekennt sich die DB offen zu ihren NPD-Mitgliedern und bietet ihnen Raum, ihre politischen Vorstellungen auszubreiten. Artig bedankten sich Interviewer und Schriftleitung dann auch für die sachliche Diskussion. Diese habe „Befürchtungen und vielleicht auch Mißverständnisse“ aufklären können.
Bei der Suche nach politischen Bündnispartnern fühlen sich die deutschen Burschenschafter im Vergleich zu ihren österreichischen Bundesbrüdern deutlich im Nachteil. In Österreich existiert ein recht stabiles deutschnationales Milieu, das neben zahlreichen Studentenverbindungen vor allem die FPÖ umfasst. Dass in Deutschland eine gesellschaftlich akzeptierte Rechtspartei jenseits der CDU fehlt, wird als Makel empfunden. So heißt es im Positionspapier „Herausforderungen für die Deutsche Burschenschaft“: „Die Deutsche Burschenschaft sollte sich Bündnispartner suchen, die im vorpolitischen Raum in gleicher oder ähnlicher Zielsetzung aktiv sind. Alleine als Korporationsverband wird die Deutschen Burschenschaft keine wirksamen politischen Aktivitäten entfalten können.“ Doch ob die NPD ein Bündnispartner sein kann, der der DB zu mehr gesellschaftlichem und politischem Einfluss verhilft, darf trotz aller Nähe bezweifelt werden – zumindest gegenwärtig ist die NPD organisatorisch zu schwach und im gesellschaftlichen Establishment zu sehr geächtet.
Noch gibt es Gegenwehr gegen einen weiteren Rechtsruck in der DB. Im März wandten sich Stuttgarter Burschenschaften in einem Offenen Brief an ihre Verbandsbrüder; darin forderten sie im Vorfeld des Burschentages 2010, den „erkennbaren rassistischen und extremistischen Tendenzen durch ein massives Gegengewicht“ Einhalt zu bieten. Bereits Mitte der 1990er Jahre hatten sich einige Burschenschaften von der DB wegen deren extrem rechter Tendenzen abgespalten, um im Rahmen der konservativen Neuen Deutschen Burschenschaft (NeueDB) oder auch als einfache Burschenschaft ohne Verbandszugehörigkeit weiterzuexistieren. Einen solchen Schritt halten die Verfasser des Offenen Briefs nicht für eine adäquate Lösung – jedenfalls bis heute.

Aus: Lotta – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, Nr. 39, Sommer 2010
Autor: Jan-Henning Schmitt